Vorschlag Kasernengelände

1. Die Situation

Die Amerikaner sind aus Friedberg abgezogen. Das Kasernengelände in einer Größe von ca. 76 Hektar im Süden Friedbergs ist eingezäunt und wird bewacht. Als Grund werden die Befürchtung vor Vandalismus, Haftung bei Unfällen und eine mögliche Kontaminierung des Bodens angeführt. Das Gelände wird verwaltet von der BIMA, die es meistbietend an Investoren verkaufen möchte.
Gerade in der jetzigen wirtschaftlichen Situation kann das Jahre dauern. Hinzu kommt, dass bei einer wirtschaftlichen Verwertung des Geländes von einer stückweisen Erschließung von West nach Ost ausgegangen werden muss. Perspektivisch kann das bedeuten, dass gerade der Ostteil für Jahrzehnte unzugänglich bleibt.

Im Süden Friedbergs gibt es kein Naherholungsgelände. Die in der Nähe liegende Housing-Area soll ebenfalls verkauft und dicht besiedelt werden. Im Osten auf dem Gelände der Kaserne befinden sich große Freiflächen, darunter ein Sportplatz (Fußball) und ein Baseballfeld. Die Gebäude, die dort stehen, sind für eine zivile Nutzung nicht geeignet (z.B. die Panzertauch- und -waschanlage) und müssten bei Neubebauung abgerissen werden.
Das Gelände rund um die Schießanlagen könnte durch Munition verunreinigt sein.
Das Gelände wird auf den Freiflächen mehrmals im Jahr gemäht und so von Baum- und Buschbewuchs freigehalten.
Eine Bewachungsfirma ist mit dem Schutz des Geländes vor Vandalismus beauftragt. Die Zäune werden regelmäßig kontrolliert und, wo nötig, verstärkt. Damit dürfte der finanzielle Aufwand für den jetzigen Zustand für die BIMA nicht unerheblich sein.

2. Vorschlag für eine zeitnahe Teilnutzung des Geländes

Eine Untersuchung auf Verunreinigungen muss schnell durchgeführt und diese, falls vorhanden, zeitnah beseitigt werden, da sonst die Gefahr besteht, dass die Kontaminationen durch Regenwasser ins Grundwasser gespült werden.

  • Die BIMA stellt das Gelände der Stadt so lange zur Verfügung, bis eine wirtschaftliche Nutzung ansteht.
  • Der Ostteil des Geländes wird vom Zaun befreit. Der Zaun wird westlich bis an die Wohnhäuserkarrees zurückgenommen und im südlichen Bereich westlich von der Panzerwaschanlage bis zum südlichen Zaun durchgezogen.
  • Das östliche Gelände wird für die Öffentlichkeit als Naherholungsgebiet freigegeben.
    (Siehe: Wildnis in der Stadt, Artikel von Dr. Doris Jensch)
  • Der Sportplatz wird in die Patenschaft eines oder mehrerer Sportvereine übergeben. Auch ein Teil der Baseballanlage könnte noch sportlich genutzt werden.
  • Die Versiegelung im westlichen Teil dieses Freigeländes wird aufgebrochen (Beispiel Alter Flugplatz Bonames). Vorhandene Gebäude werden abgebrochen, der Schutt in der Nähe zu einem Berg aufgehäuft.
  • Östlich der Sportanlagen bis zur Straße wird das Gelände in Zusammenarbeit von Umweltausschuss der Stadt Friedberg, Bauamt (vor allem für die rechtlichen Belange) und der Agenda 21 Friedberg für die Entstehung einer „Urban Wilderness“ beplant: Bewuchs, Wege, Umstrukturierung der Panzertauch- und -waschanlage zu einem Teich. (Wenn möglich, werden Landschaftsbaubetriebe an der Planung und Umsetzung beteiligt, da mit der Umsetzung die Agendagruppen überfordert würden).
  • Weiteres Bürgerengagement ist vorgesehen. Damit könnte die Pflege des Geländes auf weitere Zukunft möglich sein.
  • Wie Erfahrungen in anderen Städten (Beispiele: Bremen und Bonames) zeigen, holt sich die Natur sehr schnell das Gelände „zurück“. Die aufgebrochenen Risse und Lücken im Beton wachsen schnell zu. Wege, Wiesen und kleinere Lichtungen wären freizuhalten.
  • Eine Haftungspflicht der Stadt bei eventuellen Unfällen wird durch Schilder „Betreten auf eigene Gefahr“ ausgeschlossen. Alle weiteren Voraussetzungen werden mit dem Umweltausschuss der Stadt und dem Bauamt abgeklärt.

Schlussbemerkung: Wir treten dafür ein, dass städtisches Gelände in dieser Größenordnung dem Zugang der Bürgerinnen und Bürger nicht für unabsehbar lange Dauer verschlossen bleibt. Mit einer solchen Teilnutzung verlöre das Gelände seine Riegelwirkung nach Süden hin. Ein dringend nötiges Naherholungsgebiet entstünde. Die wirtschaftliche Belastung der BIMA würde reduziert. Von daher bestünde auch von der BIMA (vom Steuerzahler) her ein Interesse an einer solchen Lösung.

Für die Lokale Agenda 21 Friedberg, Johannes Hartmann


Wildnis in der Stadt

Wildnis in der Stadt (urban wilderness) – ein Stück Ungeplantheit in der Stadt zur Erholung, zum Spielen, für die Kreativität und einen Hauch von Abenteuer vor der Haustür

Was fehlt in den heutigen Städten, um Kinder und Erwachsene zur Ruhe kommen zu lassen? Wie können sie sich ein realistisches und positives Bild von „der Natur“ und ihren Gesetzen und Möglichkeiten schaffen? Wo kann Kreativität angeregt werden, wo das Bedürfnis nach Abenteuern befriedigt werden?
Gewiss wenig in Häuserschluchten, in Gärten mit Rasen und Blumenrabatten, in Parks mit ebensolchen Gestaltungselementen, auf Spielplätzen mit festgelegten Spielmöglichkeiten.
Was fehlt, ist in vielen Städten eine Möglichkeit, Natur ohne große Gestaltung durch den Menschen zu erleben.

Die Wetterauer Zeitung titelte am 1. Juli 2009: „Wackeltiere auf der Straße reichen nicht“ und schrieb weiter: „Die Wünsche von Kindern sind seit Generationen unverändert: Die schönsten Spielbereiche liegen wie eh und je in der grünen Natur, im Wald, am Wasser und auf der Straße. Kinder und Jugendliche favorisieren eindeutig naturnahe Spielbereiche gegenüber Spielplätzen.“ Was in diesem Falle für Bad Vilbel gemeint war, gilt natürlich auch für Friedberg. Sehen wir uns allerdings die Realität an, so ist es schwierig, Bereiche zu finden, die diesen Wünschen entsprechen. Winzige Flächen entlang des Seebaches, von Hundekot bedeckte Grün- und Bracheflächen bei der Henry-Benrath-Schule oder am Dienheimer Pfad, durch steile Böschungen gefährliche Abschnitte der Usa und der Bereich um die Mathildenruhe, wo eine Mountainbikestrecke zu gefährlicher Hangerosion führt, das ist alles, was mir dazu einfällt. Wo also sollen Kinder ihre Abenteuerlust ausleben? Die Situation in Friedberg drängt sie geradezu vor den Fernseher!
Und die Erwachsenen? Studien haben gezeigt, dass Menschen in nicht gestalteten Naturbereichen mehr Ruhe und Harmonie verspüren als in Parks. Viele reisen weit, um ein Stück „Wildnis“ zu erleben. Und umgekehrt zeigt die Frequentierung von stadtnahen „Wildnisbereichen“ wie der Uni-Wildnis in Bremen oder dem Schöneberger Südgelände in Berlin, dass ein Teil dieses Bedürfnisses vor der eigenen Haustür gestillt werden könnte, wenn es sie denn gibt.

Wenn wir von „Wildnis“ reden, müssen wir allerdings vorsichtig sein. Das englische „wilderness“, das für eine ganze Bewegung steht, ist nicht das gleiche, wie die deutsche „Wildnis“. „Wilderness“ ist etwas positives, dem Naturbegriff der Romantik entsprechend, es ist gekoppelt mit Freiheit, auch geistiger Freiheit. Schon 1926 wurde in den USA ein als „Wilderness“ bezeichnetes großes Schutzgebiet eingerichtet, das Naturerfahrung ermöglichen sollte. 1935 wurde die „Wilderness Society“ gegründet, 1964 ein „Wilderness Preservation System Act“ vom Kongress verabschiedet, wodurch Gebiete unter Schutz gestellt wurden, in denen der Mensch nur Gast sein sollte (Trommer, 1995). Auch die Umweltpädagogik in den USA stellt das Naturerleben stark in den Vordergrund und erzielt damit auf verschiedenen Gebieten große Erfolge (Umweltbewusstsein, Gewaltprävention, Vermittlung von Lebensfreude, z.B. Cornell, 2006). Aus diesen Gedanken und Schutzbemühungen heraus wurde und wird mehr und mehr versucht, „wilderness“ auch in den Lebensbereich der Städte hineinzuholen, damit mehr Menschen in den Genuss der Vorteile von nicht-gestalteten Bereichen kommen.
„Wildnis“ soll entsprechend hier als Bereich angesehen werden, in dem natürliche Prozesse ohne direkten menschlichen Einfluss ablaufen dürfen, denn „ursprüngliche“ Wildnis gibt es in Mitteleuropa nicht mehr (Diemer, Held & Hofmeister, 2003). So definiert aber sind auch Brachebereiche, aus der Nutzung genommene Wälder und naturnahe Gewässerabschnitte „Wildnis“.
Was sind die Vorteile von Wildnis, besonders in Stadtnähe? Oben sind schon eine Reihe aufgeführt. Diemer, Held & Hofmeister (2003) fassen sie so zusammen: „Die Entstehung von Wildnis oder den natürlichen Prozessen unterliegenden Bereichen (rewilding areas) nahe von städtischen Zentren wird zu Naturschutz, Naturbewusstsein und der allgemeinen Lebensqualität beitragen.“
Beispiele für „Wildnis“-Bereiche in Städten sind die Uni-Wildnis in Bremen (bewaldeter Bereich direkt hinter dem Universitätsgelände, ein Teil ist Naturschutzgebiet, ein Teil dient der Naherholung), der Lübecker Stadtwald (entweder aus der Bewirtschaftung genommen oder naturnah bewirtschaftet), die Donau-Auen in Wien (Überschwemmungsbereich der Donau, z.T. bewaldet), der Sihlwald bei Zürich, das Schöneberger Südgelände in Berlin (ehemaliges Bahngelände) und die Gelände einer Reihe ehemaliger Zechen im Ruhrgebiet. Eines der schönsten Beispiele bietet der ehemalige Militär-Flugplatz in Frankfurt-Bonames, ein gelungenes Beispiel aus Naturschutz (mit Vorkommen sehr seltener Tier- und Pflanzenarten), Naherholung (große Bahn für Skater u.a.), Naturerleben (verschiedene Gewässer, Sumpf, Pionierwald, Gestrüpp) und Abenteuerspielplatz (Möglichkeit des Balancierens über Betonplattenbruchstücke durch einen Wasserbereich.
Diese Beispiele kommen alle aus Großstadtbereichen, aber auch in kleineren Städten, die wenig fußläufigen Zugang zu naturnahen Bereichen bieten, hat das Konzept Bedeutung. Versuchen Sie einmal, mit Friedberger Schülern Natur zu erkunden, insbesondere den Ablauf natürlicher Prozesse. Wald ist nicht in Fußentfernung vorhanden, Grünland und Brachebereiche fast nicht und Usa und Seebach sind großenteils in einem verbauten Bett ohne Auenbereich. Und wenn Sie umgekehrt fragen, was den Menschen insbesondere im Friedberger Süden fehlt, dann sind das Grünflächen zur Erholung, zum Spielen für die Kinder und (ja, das auch!) zum Ausführen der Hunde. Nicht umsonst gibt es die BI Ami-Wiese, nicht umsonst den (undurchführbaren) Vorschlag eines Seebaues auf dem Kasernengelände, nicht umsonst werden Hunde mit dem Auto zum Ausführen gekarrt!

Das Kasernen-Gelände in Friedberg bietet die einmalige Möglichkeit, den Menschen Erholung für alle Sinne anzubieten, indem die nicht versiegelten östlichen Bereiche von Munition befreit werden und mit einem bestimmten Konzept für die Initialphase (Wegeführung, Schaffung von Relief und von Beobachtungspunkten) weitgehend sich selbst überlassen werden. Pflegemaßnahmen beschränken sich weitgehend auf die Müllbeseitigung. Was aus einem solchen Gelände werden kann und welche Beobachtungen dort möglich sind, beschreibt Poppendieck (2005) sehr anschaulich für das „Versuchsgelände“ von Loki Schmidt am Brahmsee, das seit über 30 Jahren keinem Eingriff unterworfen ist.
Wird dieses Konzept noch von einem pädagogischen und einer Dokumentation begleitet, können Generationen von Schülern natürliche Prozesse beobachten und nachvollziehen.

Für die Lokale Agenda 21 Friedberg, Dr. Doris Jensch

Literatur:
Cornell, J. (2006): Mit Cornell die Natur erleben. Verlag an der Ruhr, Mülheim an der Ruhr.
Diemer, M., M. Held & S. Hofmeister (2003): Urban Wilderness in Central Europe. International Journal of Wilderness 9: 7-11.
Schreier, H. & H.-H. Poppendieck (2005): Baumland. Murmann Verlag GmbH, Hamburg.
Trommer, G. (1995): Ökosystem und „Wilderness“. In: G. Weigmann, G. Trommer & C. Weigelt: Lernen für die Umwelt, Konzepte und Leitlinien, Beiheft 3 zu den Verhandlungen der Gesellschaft für Ökologie, Berlin.