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Wildnis in der Stadt (urban wilderness) - ein Stück Ungeplantheit in der Stadt zur Erholung, zum Spielen, für die Kreativität und einen Hauch von Abenteuer vor der Haustür
Was fehlt in den heutigen Städten, um Kinder und Erwachsene zur Ruhe kommen zu lassen? Wie können sie sich ein realistisches und positives Bild von „der Natur“ und ihren Gesetzen und Möglichkeiten schaffen? Wo kann Kreativität angeregt werden, wo das Bedürfnis nach Abenteuern befriedigt werden? Gewiss wenig in Häuserschluchten, in Gärten mit Rasen und Blumenrabatten, in Parks mit ebensolchen Gestaltungselementen, auf Spielplätzen mit festgelegten Spielmöglichkeiten. Was fehlt, ist in vielen Städten eine Möglichkeit, Natur ohne große Gestaltung durch den Menschen zu erleben.
Die Wetterauer Zeitung titelte am 1. Juli 2009: „Wackeltiere auf der Straße reichen nicht“ und schrieb weiter: „Die Wünsche von Kindern sind seit Generationen unverändert: Die schönsten Spielbereiche liegen wie eh und je in der grünen Natur, im Wald, am Wasser und auf der Straße. Kinder und Jugendliche favorisieren eindeutig naturnahe Spielbereiche gegenüber Spielplätzen.“ Was in diesem Falle für Bad Vilbel gemeint war, gilt natürlich auch für Friedberg. Sehen wir uns allerdings die Realität an, so ist es schwierig, Bereiche zu finden, die diesen Wünschen entsprechen. Winzige Flächen entlang des Seebaches, von Hundekot bedeckte Grün- und Bracheflächen bei der Henry-Benrath-Schule oder am Dienheimer Pfad, durch steile Böschungen gefährliche Abschnitte der Usa und der Bereich um die Mathildenruhe, wo eine Mountainbikestrecke zu gefährlicher Hangerosion führt, das ist alles, was mir dazu einfällt. Wo also sollen Kinder ihre Abenteuerlust ausleben? Die Situation in Friedberg drängt sie geradezu vor den Fernseher! Und die Erwachsenen? Studien haben gezeigt, dass Menschen in nicht gestalteten Naturbereichen mehr Ruhe und Harmonie verspüren als in Parks. Viele reisen weit, um ein Stück „Wildnis“ zu erleben. Und umgekehrt zeigt die Frequentierung von stadtnahen „Wildnisbereichen“ wie der Uni-Wildnis in Bremen oder dem Schöneberger Südgelände in Berlin, dass ein Teil dieses Bedürfnisses vor der eigenen Haustür gestillt werden könnte, wenn es sie denn gibt.
Wenn wir von „Wildnis“ reden, müssen wir allerdings vorsichtig sein. Das englische „wilderness“, das für eine ganze Bewegung steht, ist nicht das gleiche, wie die deutsche „Wildnis“. „Wilderness“ ist etwas positives, dem Naturbegriff der Romantik entsprechend, es ist gekoppelt mit Freiheit, auch geistiger Freiheit. Schon 1926 wurde in den USA ein als „Wilderness“ bezeichnetes großes Schutzgebiet eingerichtet, das Naturerfahrung ermöglichen sollte. 1935 wurde die „Wilderness Society“ gegründet, 1964 ein „Wilderness Preservation System Act“ vom Kongress verabschiedet, wodurch Gebiete unter Schutz gestellt wurden, in denen der Mensch nur Gast sein sollte (Trommer, 1995). Auch die Umweltpädagogik in den USA stellt das Naturerleben stark in den Vordergrund und erzielt damit auf verschiedenen Gebieten große Erfolge (Umweltbewusstsein, Gewaltprävention, Vermittlung von Lebensfreude, z.B. Cornell, 2006). Aus diesen Gedanken und Schutzbemühungen heraus wurde und wird mehr und mehr versucht, „wilderness“ auch in den Lebensbereich der Städte hineinzuholen, damit mehr Menschen in den Genuss der Vorteile von nicht-gestalteten Bereichen kommen. „Wildnis“ soll entsprechend hier als Bereich angesehen werden, in dem natürliche Prozesse ohne direkten menschlichen Einfluss ablaufen dürfen, denn „ursprüngliche“ Wildnis gibt es in Mitteleuropa nicht mehr (Diemer, Held & Hofmeister, 2003). So definiert aber sind auch Brachebereiche, aus der Nutzung genommene Wälder und naturnahe Gewässerabschnitte „Wildnis“. Was sind die Vorteile von Wildnis, besonders in Stadtnähe? Oben sind schon eine Reihe aufgeführt. Diemer, Held & Hofmeister (2003) fassen sie so zusammen: „Die Entstehung von Wildnis oder den natürlichen Prozessen unterliegenden Bereichen (rewilding areas) nahe von städtischen Zentren wird zu Naturschutz, Naturbewusstsein und der allgemeinen Lebensqualität beitragen.“ Beispiele für „Wildnis“-Bereiche in Städten sind die Uni-Wildnis in Bremen (bewaldeter Bereich direkt hinter dem Universitätsgelände, ein Teil ist Naturschutzgebiet, ein Teil dient der Naherholung), der Lübecker Stadtwald (entweder aus der Bewirtschaftung genommen oder naturnah bewirtschaftet), die Donau-Auen in Wien (Überschwemmungsbereich der Donau, z.T. bewaldet), der Sihlwald bei Zürich, das Schöneberger Südgelände in Berlin (ehemaliges Bahngelände) und die Gelände einer Reihe ehemaliger Zechen im Ruhrgebiet. Eines der schönsten Beispiele bietet der ehemalige Militär-Flugplatz in Frankfurt-Bonames, ein gelungenes Beispiel aus Naturschutz (mit Vorkommen sehr seltener Tier- und Pflanzenarten), Naherholung (große Bahn für Skater u.a.), Naturerleben (verschiedene Gewässer, Sumpf, Pionierwald, Gestrüpp) und Abenteuerspielplatz (Möglichkeit des Balancierens über Betonplattenbruchstücke durch einen Wasserbereich. Diese Beispiele kommen alle aus Großstadtbereichen, aber auch in kleineren Städten, die wenig fußläufigen Zugang zu naturnahen Bereichen bieten, hat das Konzept Bedeutung. Versuchen Sie einmal, mit Friedberger Schülern Natur zu erkunden, insbesondere den Ablauf natürlicher Prozesse. Wald ist nicht in Fußentfernung vorhanden, Grünland und Brachebereiche fast nicht und Usa und Seebach sind großenteils in einem verbauten Bett ohne Auenbereich. Und wenn Sie umgekehrt fragen, was den Menschen insbesondere im Friedberger Süden fehlt, dann sind das Grünflächen zur Erholung, zum Spielen für die Kinder und (ja, das auch!) zum Ausführen der Hunde. Nicht umsonst gibt es die BI Ami-Wiese, nicht umsonst den (undurchführbaren) Vorschlag eines Seebaues auf dem Kasernengelände, nicht umsonst werden Hunde mit dem Auto zum Ausführen gekarrt!
Das Kasernen-Gelände in Friedberg bietet die einmalige Möglichkeit, den Menschen Erholung für alle Sinne anzubieten, indem die nicht versiegelten östlichen Bereiche von Munition befreit werden und mit einem bestimmten Konzept für die Initialphase (Wegeführung, Schaffung von Relief und von Beobachtungspunkten) weitgehend sich selbst überlassen werden. Pflegemaßnahmen beschränken sich weitgehend auf die Müllbeseitigung. Was aus einem solchen Gelände werden kann und welche Beobachtungen dort möglich sind, beschreibt Poppendieck (2005) sehr anschaulich für das „Versuchsgelände“ von Loki Schmidt am Brahmsee, das seit über 30 Jahren keinem Eingriff unterworfen ist. Wird dieses Konzept noch von einem pädagogischen und einer Dokumentation begleitet, können Generationen von Schülern natürliche Prozesse beobachten und nachvollziehen.
Für die Lokale Agenda 21 Friedberg, Dr. Doris Jensch
Literatur: Cornell, J. (2006): Mit Cornell die Natur erleben. Verlag an der Ruhr, Mülheim an der Ruhr. Diemer, M., M. Held & S. Hofmeister (2003): Urban Wilderness in Central Europe. International Journal of Wilderness 9: 7-11. Schreier, H. & H.-H. Poppendieck (2005): Baumland. Murmann Verlag GmbH, Hamburg. Trommer, G. (1995): Ökosystem und „Wilderness“. In: G. Weigmann, G. Trommer & C. Weigelt: Lernen für die Umwelt, Konzepte und Leitlinien, Beiheft 3 zu den Verhandlungen der Gesellschaft für Ökologie, Berlin.
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